QiGONG SU

The Healing Arts



Was ist Inneres Training?

Die Diskussionen rund um das sogenannte „Innere“ und „Äussere“ Training erscheint mir irgendwie unsinnig. Es trennt etwas, dass eigentlich nur verschieden Stadien eines ganzheitlichen Trainings zeigt. Es ist vielleicht vergleichbar mit den Aggregatzuständen von Wasser. Eis wird zu Wasser und Wasser wird zu Dampf. Es ist das Selbe nur in anderen Stadien. Wie San Bao (die 3 Schätze): Jing - Qi- Shen. Bei den 3 Schätzen geht es darum, dass man Jing, das dichteste der 3 Substanzen verfeinert bis es Qi wird und Qi wiederum verfeinert bis es Shen, das feinste dieser 3 Substanzen, wird. Ein ganzheitlicher Kampfkünstler sollte genau nach diesem Prinzip trainieren.  


Äusseres Training wäre in dem Fall das Kopieren der Bewegungen einer anderen Person. Etwa so, wie ein Kind seine Eltern nachahmt um laufen zu lernen. Wenn man auf diese Weise „äusserlich“ übt, wird man durch Korrekturen und einen guten Lehrer immer genauer in den Technniken und Bewegungen. Man lernt sich zu verteidigen, man wird leistungsfähiger und durch regelmässiges Üben wird man stärker und gesünder. Es ist nichts falsch daran äusseres Training zu betreiben. Jeder Anfänger startet so, Kung Fu Übende, Taiji Übende und sogar Qigong Übende. Sie alle machen ihre ersten Schritte in dem sie ihren Lehrer kopieren. 


Um das Training dann immer mehr zu einem Inneren Training werden zu lassen bedarf es zu erst einer guten Portion theoretisches Wissen. Denn nichts ist schlimmer als Training, das von „falschem“ Wissen flankiert wird... nunja... vielleicht doch: Falsches Wissen das weitergegeben wird und bedenkenlos aufgenommen wird! „Stelle mich immer in Frage“ hat einer meiner Lehrer gesagt. „Dadurch werde ich ein besserer Lehrer und Du lernst durch deine eigenen Erfahrungen!“. 


Es sind die eigenen Erfahrungen die einen Übenden im inneren Training weiter bringen. Denn das innere Training wird durch die Sprache des achtsamen Fühlens gelernt. Man versucht eine Verbindung von den äusseren mechanischen Bewegungen zum inneren Gefühl herzustellen. Es wird nicht mehr alleine mit Muskelkraft gearbeitet sondern man erforscht den Ursprung der Bewegung, die viel tiefer in der Physiologie des Trainierenden entsteht. Man übt wie man eine Bewegung „ökonomischer“ macht. 


Der Impuls muss aus der Mitte, dem Inneren, kommen und breitet sich nach aussen hin zu den Extremitäten in wellen- oder spiralartigen Kaskaden von Muskelkontraktionen aus; eine Art Kettenreaktion von innen nach aussen. Dies führt zu konzentrierter Kraft und Ausdauer, denn es wird nicht ein einzelner Muskel intensiv belastet, sondern das ausgeklügelte Zusammenspiel des ganzen Körpers schont unsere Ressourcen und bringt die Power genau auf den Punkt ohne Kraftverlust. 


Zu Beginn bemerkt man vielleicht, dass man mit Muskelkraft und Nachahmen nicht die selbe Wirkung erzielt wie der Lehrer. Man bewundert die scheinbar mühelosen Bewegungen und fragt sich welchen Trick der Lehrer anwendet um dies zu erreichen. Das ist meistens der erste Schritt der einen Kampfkünstler bewegt inneres Training in Erwägung zu ziehen. 


Das Training um diese tieferen Bewegungsmechanismen zu verstehen, ist sehr detailliert. Es beinhaltet die Haltung, Ausrichtung, Strukturverständnis, das Wissen von Drehpunkten und Spannungsbögen. Und es ist nicht das Wissen alleine, dass einen Trainierenden weiterbringt, denn dann könnte man einfach Buch auswendig lernen und „et voilà“... man hat es! 


Erst das Lernen zu fühlen, das ununterbrochene Üben, das Visualisieren und zu Beginn auch einfach nur das Erahnen wie eine Bewegung sich „richtig“ anfühlen sollte.... all das, zusammen mit dem theoretischen Wissen und viel Geduld und Ausdauer lässt das äussere Training zu einem inneren Training werden. Kung Fu eben! 


Es ist auch wichtig mit einer kindlichen Neugier inneres Training zu praktizieren. Es verlangt einen offenen Geist um Unbekanntes anzunehmen, auszuprobieren und zuzulassen. Ein geschlossener Geist wird den Zugang nicht finden. Denn es ist nicht das unbedingte Wollen, dass das innere Training begünstigt, ganz im Gegenteil, es ist das „nicht wollen“, das Loslassen von Spannung, das Loslassen von Blockaden, das Loslassen von alten Verhaltensmustern, das Loslassen von Angst und Vorurteilen, das Loslassen vom „Brett vor dem Kopf“ oder das Loslassen von Grenzen, die man sich selbst setzt. 


Inneres Training führt dazu, dass man lernt durch den Geist den Körper zu beeinflussen. Dazu muss der Geist offen sein. Die mentale Bildsprache im Training, die zum Beispiel sagt "Die Wirbelsäule ist ein Bogen" verändert das Potential einer Bewegung oder Haltung drastisch und aktiviert mehr und andere Energie im Körper als zuvor. Denn ohne die Fähigkeit diese visuelle Sprache über den Geist im Körper umzusetzen, wird diese Bewegung immer „leer“ also nur mechanisch bleiben. 


Oft wird diese Fähigkeit missverstanden. Es scheint, dass der erfahrene Kampfkünstler, der inneres Training praktiziert, übernatürliche Kräfte hat. Dabei ist es nichts anderes als das Beherrschen von Qi. Das Verständnis von Qi. Die Fähigkeit Qi zu leiten. Eine tiefere mechanische Wahrnehmung, die immer grössere Sensibilität hervorbringt. 


Qi wird mit dem Wort Energie übersetzt. Meiner Meinung nach sollte man Qi mit einem grösseren, umfassenderen Begriff übersetzen, da „Energie“ ein sehr enger Begriff für unser Verständnis ist. Das Chinesische Zeichen von Qi zeigt Getreide, das in einem Topf gekocht wird und darüber Dampf der beim Kochen entsteht. Es zeigt das Nahrungs-Qi (das Getreide - Jing), das Kochen (der Topf - Qi) und den Dampf (Dampf - Shen). Qi sollte vielleicht als „transformierende Energie“ übersetzt werden. So würde es jede Beziehung und jede Funktion beschreiben die Qi eingehen kann. Denn Qi hat unendlich viele Formen. Qi ist alles das existiert. 


Wenn dieses Verständnis vorhanden ist und in Zusammenarbeit mit Körper und Geist bewusst umgesetzt werden kann, dann ist der Körper, bildlich gesprochen, nicht mehr „Eis“ sondern erreicht den Aggregatzustand des Wassers“. Gleiche Substanz anderer Zustand – vom mechanischen zum innerem Training.  



Das vollständige innere Training bedarf einer ganz grossen Sensibilität und gleichzeitig einer ganz grossen Stärke, denn dabei geht es um das aller persönlichste was wir haben: um unser Selbst. Es besteht aus dem Geist (Shen), der den gesamten Trainingsprozess überwacht und der Person hinter dem Training und der Arbeit. 


Das direkte Arbeiten an mir selbst ist mehr als nur das Ändern oder Anpassen der Bewegung von Gliedmassen zu Rumpf oder Dantian. Da Bewegungen und Abläufe immer wieder perfektioniert werden, verändert sich auch die Reaktionsfähigkeit des Nervensystems. Die Aktion Yi Ling Qi (Geist leitet das Qi) wird so optimiert und hat nicht nur einen Effekt auf das Kampfkunsttraining sondern auch auf die gesamte Flexibilität, Reaktionsfähigkeit und Ausdruck des Geistes. Fa Jin zum Beispiel ist ein gutes Beispiel dafür; Der Geist gibt das Potenzial des Körpers frei. 


Vor allem aber arbeitet das innere Training direkt mit dem eigenen Charakter. Oft werden Meditationspraktiken, Atemübungen oder Qigong-Methoden von Kampfkunst-Übenden als etwas angesehen, dass sie nicht sind. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass diese inneren Praktiken belächelt werden, durch falsches Wissen in den Bereich des „Hokuspokus“ abgetan werden oder weil der Geist nicht offen ist gar als „sehr gefährlich“ bezeichnet werden. 


Meistens scheint es, dass Kampfsportler dazu neigen die Gelegenheit zum Charakteraufbau und diese Inneren Aktivitäten oder Erklärungen des Lehrers im Training zu übersehen. Dazu kommt noch, dass es tatsächlich wunderbare Meister gibt, die sehr wohl selbst inneres Training betreiben und unglaubliches Wissen und Fähigkeiten haben. Aber das Unterrichten von innerem Training bedingt, dass man seine Gefühle und seine Sensibilität nach aussen tragen muss um den Schüler zu erreichen und wer das nicht kann, wird es nicht unterrichten und weitergeben können. 


Darum ist es auch so, dass die meisten Kampfkunst-Übenden nur "mechanisch intern" in ihrer Trainingskarriere bleiben werden. Aber es reicht nicht, nur mit Gewalt umzugehen zu können. Eine Person muss auch fähig sein, Angst zu verstehen. Was fürchtet man selbst, was fürchten andere, wie beeinflusst Angst Körper und Geist. Und das gilt nicht an erster Stelle für den Kampf, sondern für das Leben im Generellen. Denn Kampfkunst ist eine Lebensschule. Da ist es wo die Charakterarbeit ansetzt. Das Kämpfen wird zur Nebensache in der inneren Kampfkunst. 


Es geht um das Verhalten, das Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, um Loyalität, Ausdauer, um sich selbst zu überwinden und zu sich zu stehen, um alleine trainieren zu können, um Ehrlichkeit, Rücksicht, Freundschaft und Vertrauen, Demut, Ehre und Respekt. Alles Tugenden, die ein ganzheitlicher Kampfkünstler ausmacht. Wu De (die Tugenden der Kampfkunst) werden sie genannt. Wu De wird in vielen Schulen rezitiert und bleibt doch meist nur ein Lippenbekenntnis. 


Interne Alchemiepraktiken befassen sich direkt damit, den Körper zuerst zu verstehen und dann die eigene Perspektive zu ändern so dass man selbst flexibler wird und den Geist wachsen lassen kann, um schliesslich alleine lernen zu können. „ Die Form ist erst eine gute Form, wenn sie deine eigene wird“. 


Internes Training geht weit über die Kampfkunst hinaus und reicht hin bis zu spirituellen Praktiken um den Geist noch weiter zu kultivieren. Ein vollständiger Kampfkünstler wird im Training an allen drei Stufen arbeiten:

1.    Mechanisches Training mit dem Körper (Jing - Eis)

2.    Training der Beziehungen innerhalb des Körpers und zwischen Körper und Geist (Qi - Wasser)

3.    Training der verschiedenen Teilen des Geistes, des Selbst (Grosses Shen – Dampf) dazu gehören unter anderem: Yi – Intellekt,  Xin - Gefühle,  Zhi - Willenskraft,  kleines Shen - Erworbenes Selbst, Hun - Wahres Selbst

Gleiche Substanz, verschiedene Zustände und unterschiedliche Beobachtungsperspektiven die ein Kampfkünstler im Laufe seiner Entwicklung einnimmt.   -su